4. Adventfenster

Adventkalender 2021 als Zusammenfassung von Giorgio Agambens Buch

„An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik“

4. Adventfenster – Zusammenfassung Kapitel 3  

„Klarstellung“ vom 17.3.2020

In diesem Artikel schildert Agamben seine Überlegungen zur Angst. Sie ist ein schlechter Ratgeber, macht jedoch viele Dinge sichtbar, die man sich für gewöhnlich zu sehen weigert.

Eine Panikwelle bringt ganz Italien zum Erliegen und macht sichtbar, dass die Menschen an nichts mehr außer an das nackte Leben glauben. Sie sind bereit, für eine statistisch nicht erhebliche Gefahr, praktisch alles zu opfern.

Agamben listet diese Opfer auf: normale Lebensbedingungen, soziale Beziehungen, Arbeit, Freundschaften, Gefühle, religiöse und politische Überzeugungen etc.  

Die Angst um das nackte Leben verbindet die Menschen nicht, sondern trennt sie. Die Mitmenschen werden alle zu Salbern, die es gilt zu vermeiden und zu denen man Abstand halten soll.

Selbst die Toten haben kein Anrecht auf eine würdige Beerdigung und es ist unklar, was mit dem Leichnam passiert. Der Mitmensch wurde ausgelöscht und Agamben findet es merkwürdig, dass die Kirchen hierzu schweigen.

Agamben fragt sich, was das denn für eine Gesellschaft sei, die keinen anderen Wert mehr hat als das eigene Überleben?

Diese Gesellschaft hat zugelassen, dass aus dem Ausnahmezustand ein Normalzustand wird. Früher gab es schlimmere Epidemien, aber niemand ist auf den Gedanken gekommen, einen Notstand wie den jetzigen auszurufen, der uns daran hindert, uns frei zu bewegen.

Agamben klagt an, dass die Gesellschaft sich daran gewöhnt hat, unter den Bedingungen einer ständigen Krise, eines ständigen Notstands zu leben und das Leben auf eine rein biologische Funktion reduziert hat. Nicht nur jede soziale oder politische, sondern auch jede menschliche oder affektive Dimension ist verlustig gegangen.

Eine Gesellschaft, die im ständigen Ausnahmezustand lebt, kann jedoch keine freie Gesellschaft sein.  Freiheit zugunsten der Sicherheit zu opfern, bedeutet, sich selbst dazu zu verurteilen, in einem ständigen Angst- und Sicherheitszustand zu leben.

Es wundert daher Agamben nicht, wenn in Bezug auf das Virus von einem Krieg gesprochen wird. Dieser Krieg wird gegen einen unsichtbaren Feind geführt, der sich in jedem Menschen einnisten kann. Das ist der absurdeste aller Kriege, in Wahrheit ein Bürgerkrieg, denn der Feind ist nicht außerhalb sondern in uns.

Was kommt nach diesem Krieg? Jeder Krieg hinterlässt in den darauf folgenden Friedenszeiten unheilvolle Techniken, vom Stacheldraht bis zum Atomkraftwerk.

Nach dem Ende des Gesundheitsnotstandes werden lt. Agamben digitale Geräte jeden Kontakt ersetzen: an Schulen, Universitäten, öffentlichen Orten, sodass die persönlichen Beziehungen nur mehr in den eigenen vier Wänden mit der gebotenen Vorsicht stattfinden werden.

Was lt. Agamben auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Abschaffung des öffentlichen Raums in seiner Gesamtheit.

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